Religionen Archive - Stefanie Gralewski

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Von Religion, Mythologie und Spiritualität

Immer wieder werde ich gefragt, ob die drei Begriffe Religion, Spiritualität und Mythologie nicht einfach synonym verwendet werden können. Ich meine dazu, dass die Bedeutungen zwar ineinander übergreifen, aber dennoch zu differenzieren sind:

So ist Religion meiner Meinung nach der Glaube an und / oder Verehrung eines Gottes oder mehrerer Götter.

Mythologie definiere ich eher als eine Sammlung traditioneller Geschichten, die von den Göttern erzählen.

Spiritualität ist für mich der individuelle Weg eines jeden Menschen hin zum Göttlichen – unabhängig von der Religion.

Es ist also durchaus möglich, ein spirituelles Leben zu führen, ohne einer bestimmten Religion anzugehören. Auch kenne ich Menschen, die zwar einer Religion angehören, aber ihrem spirituellen Weg (noch) nicht folgen. Mythologie kann Religion leichter verständlich und im Alltag greifbarer machen. Das Kunstwerk und die wahre Bereicherung im Leben besteht meiner Meinung nach darin, alle drei Themen zu kombinieren.

Ich beschäftige mich auch mit anderen Religionen, die nicht meiner entsprechen. Und ich erzähle auch von anderen Religionen, fremden Mythen und verschiedenen Auffassungen von Spiritualität. Der Islam hat ebenso schöne Geschichten zu erzählen, wie zum Beispiel auch das Judentum. Die beiden Religionen sind ja generell sehr nah beieinander, zusammen mit dem Christentum.

Wenn ich Göttergeschichten erzähle oder Gebetstexte teile, geht es mir in keinem Fall um Missionierung oder darum, jemanden von einer bestimmten Religion zu überzeugen. Mir geht es vielmehr darum, die Gemeinsamkeiten der unterschiedlichsten Religionen aufzuzeigen. Ich möchten Sie neugierig machen auf anderen Glaubenssysteme, Kulturen und Menschen. Ein bestimmtes Ritual, ein besonderer Feiertag einer fremden Religion bereichert auch den eigenen Alltag. Sein Herz hier zu öffnen, bedeutet sich er nicht, den eigenen Glauben über Bord zu werfen. Ganz im Gegenteil: Oft erkennt man den Ursprung und die Liebe zum eigenen Götterhimmel ganz neu.

Das Wort Religion kommt vom lateinischen Wort relegere (=bedenken) und meint etwas, dass man mit Sorgfalt betrachten solle. Heute meint man eine spirituelle Weltanschauung, bei der ein höheres, wie auch immer geartetes Wesen maßgeblich Einfluss auf den Gläubigen hat.

Eine Definition versuchte der Theologe Gustav Mensching zu finden: „Religion ist erlebnishafte Begegnung mit dem Heiligen und antwortendes Handeln des vom Heiligen bestimmten Menschen.“ Und dieses Heilige ist – für manche Menschen überraschend – in den unterschiedlichen Mythologien und Religionen gar nicht so verschieden.

Vielleicht kennt ja keine Religion die ganze Wahrheit, sondern jede besitzt nur Bruchstücke davon, und es ist unsere Aufgabe, diese Bruchstücke zu erkennen und zusammenzusetzen. 

Christopher Paolini in Eragon

Von Warzen, Buckeln und anderen Vorurteilen

Hexen gibt’s doch gar nicht! Oder doch?

Der Blick meines Gegenübers wird starr.
Misstrauisch beäugt die Dame mich, nachdem ich mich vorgestellt habe. Ihre Gesichtszüge sagen irgendetwas zwischen „gibt’s doch gar nicht!“ und „Tu mir nichts!“

Ich bin Stefanie Gralewski – eine Hexe. Die Berliner Hexe.

Auch wenn ich mich normalerweise nicht so offensiv darstelle, kommt es manchmal vor, dass andere mich so ankündigen oder vorstellen. So wie die Dame, der ich hier vorgestellt wurde, reagieren viele auf mich. Zunächst reichen Sie mir noch freundlich lächelnd die Hand, zucken dann aber kurz zurück. Befürchten sie, sie würden in blitzenden Rauchwolken zu einem Frosch verhext, sobald sie etwas Falsches sagen? Möglicherweise sind die Leute auch irritiert, weil ich weder eine Hakennase, keine Warzen und aktuell auch noch keinen Buckel habe.

Und wovor erschrecken die Leute überhaupt? Was ist eine Hexe eigentlich genau? Ist eine Hexe gar mit dem Teufel im Bunde? Hat das irgendwas mit Satanismus zu tun? Treffe ich mich nachts etwa mit Freundinnen auf dem Friedhof? Geh ich in Flammen auf, wenn ich eine Kirche betrete? Diese Fragen und noch viel mehr möchte ich hier gern beantworten.

Obwohl – so leicht ist das mit einer Antwort nicht. Denn es gibt weder eine allgemeingültige Erklärung (und jedes zu diesem Thema veröffentlichte Buch hat wohl eine andere Definition), noch gibt es eine geregelte Ausbildung oder gar Zertifikate. Seit mehr als 18 Jahren suche ich in den verschiedensten Quellen nach den historischen Ursprüngen der Hexerei und der Vorurteile darüber. Dabei versuche ich meine Ergebnisse und Erkenntnisse mit meinen eigenen Fähigkeiten, Ansichten und Talenten in Einklang zu bringen. Hexe zu sein ist meiner Meinung nach einfach ein Lebensgefühl, dass sich kaum in Worte fassen lässt. Ich möchte hier dennoch erklären, was ich darunter verstehe.

Fehlübersetzungen und viel Politik

Werfen wir zunächst einmal einen Blick auf das Wort „Hexe“: Dieses stammt vom mittelhochdeutschen „hecse“ bzw. vom althochdeutschen „hagzisse“ ab. Hier kommt uns vielleicht der Wortstamm „hag“ von Worten wie „Hagebutte“ bekannt vor. „Hag“ bedeutet soviel wie Zaun oder Hecke.
Mit Hexe ist also jemand gemeint, der auf einer Hecke oder einem Zaun sitzt, scheinbar „reitet“. Und ehrlich gesagt, mag ich dieses Bild sehr gern. Wenn ich mir vorstelle, das ich auf einem Zaun sitze, der die Welten trennt, dann passt das ganz gut zu meinem Leben. Mit dem einen Bein schaukle ich in der bodenständigen, diesseitigen Welt und mit dem anderen Bein in der jenseitigen, spirituellen Welt. Ich beschäftige mich nicht nur mit Religionen, Ritualen und Magie. Politik, Neurologie und Wirtschaftspsychologie finde ich genau so interessant. Mit meinen Freunden kann ich mich über Jahreskreisfeste ebenso austauschen, wie über den neuesten Promiklatsch. Probleme gehe ich nicht nur mit Weihrauch und Gebet an, sondern auch mit handfesten Lösungen.

Hexen sind Zaunreiterinnen

Dass allein schon das Wort „Hexe“ einen so schlechten Ruf bekommen hat, liegt in einer (von vielen) Fehlübersetzung der christlichen Bibel. Die ganze Hexenverfolgung früher (und auch heute noch), geht auf eine einzige Bibelstelle zurück. Im Alten Testament, 2. Buch Mose (Exodus), Kapitel 22, Vers 17 steht: „Die Zauberinnen sollst Du nicht am Leben lassen.“ (Lutherbibel, Ausgabe von 1984). Im hebräischen Originaltext ist jedoch anstelle des Wortes „Zauberinnen“ (in manchen Übersetzungen „Hexe“) das Wort „kasepha“ zu finden. Dieses Wort bedeutet eigentlich „Priesterin“.
Und langsam erkennt man das politische Geschehen hinter der Hetzjagd: Weibliche Priesterinnen hatten in vorchristlichen Zeiten einen hohen gesellschaftlichen Stand und waren durchaus auch vermögend. In die patriarchalen (männerdominierenden) Strukturen der ersten (und auch späteren) Christen passte das freilich nicht.

Auch wenn nicht nur Priesterinnen verfolgt wurden und eine Verfolgung praktisch jeden treffen konnte (arm, reich, gläubig oder nicht, mitten in der Gesellschaft oder eher abseits, hübsch, hässlich, männlich, weiblich), waren die meisten Opfer Frauen. Das Leben war manchmal hart, Kriege und Wetterkapriolen überzogen das Land und sorgten für Hunger und Not. Da wir Menschen offenbar immer einen Sündenbock brauchen und alle Andersgläubige irgendwann vertrieben waren, sollten nun die Frauen als Schuldige für das Elend der Welt herhalten. Praktischerweise hatte eine Frau ja schon am Anbeginn der Zeit für die Vertreibung aus dem Paradies gesorgt. Rechtfertigung schien es also genug zu geben.

Später waren es dann vor allem politische Gründe, alles was Frauen stark und eigenständig erscheinen ließ, zu unterdrücken. Dass die Einführung des Frauenwahlrechtes weniger damit zu tun hatte, Frauen gleichberechtigt zu behandeln, ist inzwischen vielleicht bekannt, führt aber hier zu weit. Als in den 1950er Jahren die letzten Gesetze gegen Hexerei gekippt wurden, fiel das mit der Stärkung der Frauenrechte zusammen und ergänzte sich auch zur religiösen Selbstbestimmung der Frau. Daher wird weibliche Spiritualität auch heute fälschlicherweise noch oft mit Feminismus gleichgesetzt.
Doch viel geändert hat sich seit den 1950er Jahren nicht.

Klar, gibt es inzwischen (wenige) Frauen in Führungspositionen. Frauen dürfen Hosen tragen und müssen Ihren Mann auch nicht mehr um Erlaubnis bitten, wenn sie arbeiten wollen. Starke, selbstbewusste Frauen werden aber immer noch argwöhnisch beäugt. Einigen wird dann sogar die Weiblichkeit abgesprochen. Von der viel gepriesenen, aber dennoch nicht umgesetzten, Gleichbehandlung mal ganz abgesehen.

Eine Hexe kann man äußerlich nicht erkennen

Auch das scheint einigen Menschen Kopfzerbrechen zu bereiten. Man erkennt Hexen nicht an ihrer Kleidung, an ihrem Schmuck oder an ihrem Lebensstil. Eine Hexe kann sich schwarz kleiden. Muss sie aber nicht. Es könnte auf eine Hexe hinweisen, wenn sie ein Pentagramm an einer Kette trägt. Muss es aber nicht. Man kann eine Hexe gar nicht erkennen. Sie erkennt sich nur selbst als solche.

Und das ist wichtig, denn eine Hexe kann man nicht werden. Du kannst zwar verschiedene Handwerke lernen, die dem Klischee nach zu Hexen passen könnten (Karten legen, Rituale ausführen, Kräuter sammeln) oder auch eine Ausbildung zur Priesterin abschließen – aber eine Hexe macht das noch nicht aus Dir.

Entweder man ist es oder man ist es nicht. Das hat nichts mit elitärem Denken oder Arroganz zu tun. Es bedeutet auch nicht, dass eine Hexe besser wäre, als andere Menschen – aber eben auch nicht schlechter. Viele entdecken leider erst spät, dass in ihnen das Hexen-Gefühl steckt. Den meisten wurde noch in der Kindheit Feinfühligkeit, spirituelles Talent und der Wunsch nach Selbstbestimmung aberzogen.

Die meisten Hexen haben zudem einen äußerst starken Freiheitsdrang und fühlen sich nicht wohl, wenn sie unter Druck gesetzt werden. Egal, ob es sich hier um Zeitdruck, eine enge Wohnung oder traditionelle bzw. religiöse Einschränkungen handelt. So manch einen zieht es in die Einsamkeit der Natur. Andere fühlen sich in einer Gruppe Gleichgesinnter geborgen.

Eine Hexe sucht nach Erfüllung und Selbstverwirklichung auf eigenen Wegen, in eigenem Tempo und in Selbstbestimmung.

Viele Hexen haben einen ungeheuren Wissensdurst, der dafür sorgt, dass sie gute und aufmerksame Zuhörer sind und oft Unmengen an Büchern verschiedenster Themenbereiche besitzen. Daher werden Hexen manchmal missverstanden und neugierig genannt. Doch es ist viel mehr!
Wir Hexen versuchen die Zusammenhänge in der Welt und im Kosmos zu ergründen – wissenschaftlich, historisch, spirituell. Auch darum sind wir gute Ratgeber in schwierigen Lebenssituationen.

Es gibt viele Varianten

Um eine Hexe zu sein ist es nicht nötig, einer bestimmten Religion anzugehören. Es gibt heidnische bzw. pagane Hexen, die sich ganz allgemein vorchristlichen Göttern und Göttinnen nahe fühlen.
In den USA und in Großbritannien (zeitweise auch in Deutschland) wurde das sogenannte Hexentum gleichgesetzt mit den Wicca. Wicca ist eine Mysterientradition, die sich in den 1950er Jahren von England aus gen USA ausbreitete. Einige Hexen sind Wicca, die meisten jedoch nicht. Es gibt ebenso christliche, buddhistische und sogar muslimische Hexen. Daher können Hexen natürlich auch ganz normal in eine Kirche gehen, wenn sie das möchten. Ich selbst finde verschiedene Religionen sehr spannend und war auch schon in verschiedenen Gotteshäusern zu Andachten und Gebeten. Und natürlich gibt es auch atheistische Hexen, also solche, die an keine Götter glauben. Satanismus (genauer die Church of Satan) hat so gar nichts mit Hexen zu tun, also sind Hexen auch keine Satanisten (und treiben sich gewöhnlich auch nicht nachts auf Friedhöfen herum).

Hexen können sich mit Magie, Kräutern, Weissagungen, Meditationen, Göttern und Ritualen befassen – aber sie müssen es nicht. Es ist nicht Bedingung, all das zu tun um eine Hexe zu sein.
Die Bezeichnung sagt außerdem weder etwas darüber aus, ob die Person männlich oder weiblich ist, noch ob sie ein böser oder ein guter Mensch ist. Die Bezeichnung sagt nur, dass diese Person weiß, dass es noch eine andere Welt gibt als die diesseitige, sichtbare.

Erkennst Du Dich hier vielleicht sogar wieder? Dann bist Du vielleicht eine Hexe. Dann bist Du vielleicht eine sehr alte Seele, die sich nach Spiritualität und Wissen sehnt. Du darfst natürlich eine Bezeichnung finden, die zu Dir passt. Eine Bezeichnung, die Du als passend empfindest. Ob Du Dich nun Hexe, PriesterIn, SchamanIn, Medium oder WeiseR nennst, ist letztlich völlig egal. Ob Du Dich in einer Religion zu Hause fühlen oder eine wilde Mischung bevorzugen, liegt ebenso in Deinen Händen.

Vielleicht findest Du, dass nichts so richtig passt. Dann bleib doch einfach bei der Bezeichnung Mensch. Oder Du erfindest ein Wort. Wie auch immer Du Dich entscheidest:

„Lass Dich nicht unterkriegen, sei frech und wild und wunderbar!“

Astrid Lindgren

Von Regenbögen, Gebeten und Gottes Telefonnummer

In meinem Hexenkalender oder auch in meinen TV-Sendungen spreche ich sehr oft davon, dass bestimmte Götter oder Naturgeister „angerufen“ werden können. Offenbar führt dies regelmäßig zu Verwirrungen. Viele fragen sich, was das genau bedeutet. Außerdem bekam und bekomme ich noch immer viele Anfragen dazu, wie man die Götter denn nun genau ansprechen müsse und ob man etwas falsch machen könne. Manchmal werde ich auch gefragt, ob man denn beten muss. Ich möchte diesen Blogartikel nutzen, um meine Sicht der Dinge mit Dir zu teilen.

Anrufung ist gleich Gebet. Oder doch nicht?

Zunächst ist eine Anrufung nicht anderes als ein Gebet. Man kann beide Worte synonym verwenden. Laut dem Internet-Lexikon Wikipedia bezeichnet das Wort Gebet „eine zentrale Glaubenspraxis vieler Religionen. Es ist eine verbale oder nonverbale rituelle Zuwendung an ein transzendentes Wesen.“ Das bedeutet: sobald wir uns an einen Gott oder eine Göttin wenden, ist es ein Gebet. Dabei ist es unerheblich, ob wir sprechen, singen, tanzen, eine Kerze entzünden oder uns in Gedanken an das Göttliche wenden.

Wenn ich von einem Gebet spreche, denken die meisten allerdings nur an einen vorgegebenen, vorformulierten Gebetstext wie z. B. das Vaterunser aus den christlichen Kirchen.
Daher nutze ich manchmal das Wort Anrufung um eben zu verdeutlichen, dass ein Unterschied besteht zwischen einem fertigen Gebetstext, den man „herunterbetet“, weil es eben zu einer bestimmten Routine gehört; und eben einer Anrufung, die mehr oder weniger frei formuliert wird, um seine Gedanken, Wünsche und Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Selbstverständlich kann man auch ganz intensiv einen vorformulierten Text beten und mit vollem Herzblut dabei sein – keine Frage.

Man muss richtig beten, sonst wird man nicht gehört, oder?

Doch was ist richtig und was ist falsch? Ich hörte in den letzten Jahren immer wieder davon, dass man „richtig“ zu den Engeln beten müsse, sonst würden sie die Gebete nicht „akzeptieren“. Das stimmt jedoch nicht. Niemals gibt es eine Einschränkung in der Art des Gebets, sofern das Gebet aus dem Herzen kommt (das halte ich übrigens für elementar und als einzige Bedingung an ein Gebet). Denn ganz ehrlich: Wenn die Götter uns kennen (und davon gehe ich aus), sie uns die Sprache gebracht und uns eventuell sogar geschaffen haben – warum sollten sie dann nicht verstehen, dass sich all unsere Emotionen in unseren Gebeten widerspiegeln? In einem Gebet darf man weinen, lachen, jammern, flehen, schimpfen, bitten und auch verhandeln.

„Beten ist das Atemholen der Seele“

John Henry Newman

Nein, natürlich muss man nicht beten. Aber man kann. Und zwar immer dann, wenn man möchte. In jeder Situation des Lebens. Ich hörte auch von Menschen, die unter der Dusche oder sogar auf der Toilette beten. Wenn Dir das zu sagt, warum nicht? Für mich passt das nicht, aber hier darfst Du Dich frei fühlen. Natürlich darfst Du auch auf vorgefertigte, vielleicht schon seit vielen Jahrhunderten überlieferte Gebete zurückgreifen. Auch das hat eine ganz besondere Energie. Gerade dann, wenn sie Dich im Alltag immer wieder an das Göttliche erinnern.

Wenn zum Beispiel jüdische Menschen einen Regenbogen sehen, dann sprechen sie: „Gepriesen seist Du, Ewiger, unser Gott; Du regierst die Welt. Du erinnerst Dich an Deinen Bund und bleibst ihm treu. Du stehst zu Deinem Wort.“

Viele Christen finden Trost in Psalm 23 der Bibel und das Rezitieren gibt ihnen Kraft: “ Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Im Islam ist das Witr-Gebet eines der wichtigsten und wird üblicherweise als letztes Gebet des Tages gesprochen: „O Allah, leite mich mit denen, die Du geleitet hast und heile mich mit denen, die Du geheilt hast, und beschütze mich wie die die Du beschützt hast, und segne das, was Du mir gegeben hast, und bewahre mich vor dem Schlechten, das Du beschlossen hast, denn nur Du bestimmst und niemand bestimmt über Dich. Wahrlich, niemand kann gedemütigt werden, wenn Du ihn beschützt. Und niemand kann die Oberhand gewinnen, dessen Feind Du bist. Gesegnet bist Du, unser Herr, und erhaben. Und Allah segne den Propheten Muhammad.“

Übrigens: Einige Christen kennen sogar die Telefonnummer von Gott: 5015 lautet sie. Das habe ich irgendwo mal in einem Kindergottesdienst gehört und finde das ganz schön. Diese „Telefonnummer“ bezieht sich auf Psalm 50 Vers 15: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.“

Manchmal geht es nicht ohne.

Für Rituale sind Anrufungen ein grundlegender Baustein. Wenn nicht sogar der wichtigste Bestandteil überhaupt. Alles andere wie Kerzen, Räucherwerk, Deko etc. kann man austauschen oder teilweise sogar ganz weglassen – aber das Gebet nicht. Zu leicht vergessen wir, dass Worte eine ganz eigene und mächtige Energie in sich tragen. Nicht nur die Bedeutung selbst, sondern auch die Betonung, Stimme, Tempo, Lautstärke – das alles ist Energie, die in unsere Bitte oder unseren Wunsch fließt und damit zur Erfüllung beiträgt.

Vielleicht fällt es Dir zu Anfang schwer, die richtigen Worte zu finden. Ich fand früher fertige Gebetstexte oft hilfreich, weil ich nicht wusste wie ich mich nun respektvoll einer göttlichen Energie nähern kann. Aus Großbritannien kommt der (meiner Meinung nach schreckliche) Trend, Anrufungen und Gebete im Reim zu formulieren. Angeblich wäre dann die Energie stärker. Der Hinweis dazu findet sich sogar in der doch recht bekannten Wiccan Rede. Diese Meinung teile ich nicht. Es kann jedoch durchaus dabei helfen, sich das Gebet leichter zu merken und dann aus dem Kopf immer wieder frei sprechen zu können. Kurze Reime können dann wie ein Mantra gesprochen werden und führen natürlich auch zum Erfolg. Trau Dich, ein wenig rumzuprobieren, was für Dich am besten passt.

Eine Anleitung für Deine Anrufung

Vielleicht möchtest Du ausprobieren, ein Gebet frei zu formulieren? Dann lass Dein Herz sprechen. Vielleicht hilft Dir aber auch folgendes Grundgerüst:

  1. Überlege Dir, an wen Du Dich wenden möchtest und warum. Also an einen bestimmten Gott, eine bestimmte Göttin, einen Engel oder Naturgeist oder an die göttliche Energie ganz allgemein. (Ein Beispiel: zur aktuellen Erntezeit möchte ich die Göttin Demeter anrufen, damit mein neuestes Projekt erfolgreich wird.)
  2. Atme tief durch. Nimm Dir Zeit. Wenn jemand etwas wichtiges mit Dir zu besprechen hat, möchtest Du ja auch nicht, dass er es Dir zwischen Einkaufstüten und Briefkasten zuruft.
  3. Finde eine Ansprache. Verwende den Namen des angesprochenen Wesens. Wenn Du magst, kannst Du auch besondere Attribute hinzufügen. (In meinem Beispiel: Große Göttin Demeter; Göttin der Ernte, die die Fülle über die Menschen ausschüttet; Göttin der Fruchtbarkeit, die alle wachsen und gedeihen lässt.)
  4. Nenne Deinen Namen. Manche nennen die Namen der Eltern dazu. Das war in alten Zeiten üblich, fast schon unabdingbar. Ich selbst mache das aber nicht, sondern sehe mich selbst als Tochter der Götter.(In meinem Fall nun: Hier spricht Stefanie. Ich grüße Dich.)
  5. Worum geht es Dir? Hast Du Kummer oder einen Wunsch? Hier kannst Du nun Dein Anliegen formulieren. Ausführlich oder eher knapp – wie auch immer Du magst. (In meinem Beispiel: Demeter, ich habe ein Projekt begonnen und ich bitte Dich um Deinen Segen dafür. Ich bitte Dich, dass ich alle Hindernisse auf dem Weg zum Abschluss überwinden kann, dass das Projekt dem Wohle aller dienen mag und dass ich eine gute Ernte Heim bringen kann.)
  6. Optional kannst du ein Opfer anbieten. Du kannst zum Beispiel anbieten, etwas zu spenden oder etwas zu tun, wenn Dein Wunsch erfüllt wird. Aber bitte: Das soll kein Kuhhandel werden! Biete etwas an, was dem Wunsch angemessen ist. Du wirst spüren, ob dieses Opfer akzeptiert wird. Auch eine Räucherung oder eine Kerze in einer Kapelle kann ein Opfer sein. (In meinem Beispiel: Ich habe eine ganz besondere Räucherung aus meinem Urlaub in Deiner griechischen Heimat mitgebracht. Ich bitte Dich, dieses Geschenk als Opfergabe anzunehmen.)
  7. Bedanke Dich. (In meinem Beispiel: Ich danke Dir Demeter, dass Du mich hörst. Danke, dass Du mich in meinem Leben schon so reich beschenkt hast. Hab Dank, dass ich mich immer an Dich wenden darf.)

Und sonst so?

Kurz noch ein paar Worte zum Drumherum: Klar, bist Du in einem Ritual, gibt dieses den Rahmen für das Gebet. Gehörst Du einer bestimmten Religion an, dann gibt diese oftmals Zeit oder auch die Gebetshaltung vor. Gehörst Du keiner speziellen Religion an und bist gänzlich frei in Deinem Tun, kann es passieren, dass Du viel seltener betest, als Du eigentlich möchtest. Daher habe ich das Gebet in meine Morgenroutine übernommen. Wenn ich mal keine Zeit für Rituale habe, haben die Götter dennoch einen festen Platz in meinem Leben. Du kannst zum Beispiel direkt nach dem Aufstehen ein paar Minuten für die Götter reservieren oder auch abends vor dem Zubettgehen. Mit solchen Verknüpfungen ist es leichter, Gebete im Alltag zu integrieren.

In manchen Religionen ist es üblich, zum Gebet auf die Knie zu gehen oder sich flach auf den Boden zu legen, um Demut zu zeigen. Vor allen in vorchristlichen oder neuheidnischen Religionen ist das jedoch nicht der Fall. Hier wird davon ausgegangen, dass man den Göttern mutig und dennoch respektvoll entgegentreten darf. Nur wenige Götter in polytheistischen (- viele Götter, im Gegensatz dazu monotheistisch – ein Gott) Religionen verlangen Unterwerfung.

Auch die Kleidung ist in einigen Religionen vorgegeben. Manchmal gibt es spezielle Kopfbedeckungen oder Kleider. In einigen Hexengruppen werden Rituale skyclad (im Himmelskleid – nackt) zelebriert.

Letztlich geht es auch bei der Frage zum Gebet immer auch darum, welcher Gruppe Du Dich zugehörig fühlst. Gehörst Du keiner an, darfst Du Deinen eigenen Rahmen stecken. Ich bin sicher, dass Deine Anrufungen – so sie aus dem Herzen kommen – genauso wirkungsvoll sind, wie jahrhundertealte Gebetstexte.

Mich interessiert nun, wie Du betest? Betest Du überhaupt? Zu wem spricht Du dann? Hast Du eine feste Zeit? Verrate es mir gern in den Kommentaren. Ich freue mich darauf, von Dir zu hören!

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