September 9

Von Jägern, Geistern und Prinzen

Eine Kundin (ich nenne sie hier anonymisiert Anna) sitzt in einem Beratungstermin völlig aufgelöst vor mir. Sie weint, ist völlig außer sich. Was ist passiert? Sie hat einen Mann im Internet kennen gelernt – Tim. Er hat ihr ausgesprochen gut gefallen. Sie haben ein paar Tage hin- und hergeschrieben. „Und dann meldet er sich einfach nicht mehr!“ schluchzt Anna. Ich frage nach, ob es eine Meinungsverschiedenheit gegeben hätte oder was denn vor diesem Kontaktabbruch passiert sei. „Nichts!“ ist die Antwort. Sie zeigt mir den Chatverlauf mit den letzten Nachrichten. Ich stutze. Die letzte Nachricht von Tim lautet: „Gute Nacht!“ und ein Kusssmiley. Auf die Frage, warum sie ihm denn nicht geschrieben hat – weder ein „Gute Nacht!“, „Guten Morgen!“ oder meinetwegen auch: „Warum hast Du Dich 2 Tage nicht gemeldet?“ – antwortet Anna: „Ja aber er ist doch der Mann und muss zeigen, dass er mich will.“

Oft wenden sich verzweifelte Frauen an mich, deren Herzensmänner sich nicht mehr melden. Für den Kontaktabbruch gibt es mehrere mögliche Gründe, die manchmal gar nicht so offensichtlich sind:

Manchmal haben die Männer einfach kein Interesse mehr und nicht den Mut, das klar zu kommunizieren. Sie bevorzugen das sogenannte „ghosting“ (ghost = englisch: Geist), eine Modeerscheinung in Zeiten von unverbindlichen Flirt-Plattformen und zwanglosen Whatsapp-Chats. Dabei verschwindet man einfach ohne Abschied im Nichts. Meist werden die Kontakte auch gleich blockiert, um Nachfragen zu verhindern. In diesen Fällen suchen die Frauen oft nach Erklärungen und stürzen in tiefe Selbstzweifel. Sie weiß nicht, was das eigentliche Problem war / ist. Eine Aussprache oder Klärung wird zwar von der Frau initiiert, bleibt aber vom Mann unbeantwortet. Diese – recht unfaire – Art des Abgangs ist leider in den letzten Jahren ziemlich populär geworden. Bietet sie doch die Möglichkeit, völlig ohne Konsequenzen und Erklärungen und damit sehr leicht den Kontakt abzuhaken.

In anderen Fällen spüren Mann und Frau nach einigen Kontakten, dass sich das erhoffte Kribbeln nicht einstellt und die Kommunikation verläuft zusehends im Sande. Beide haben meist schon Kontakt mit anderen Interessenten und es ist eine Frage der Zeit, bis der Kontakt ganz abreißt – und niemand so richtig traurig drüber ist.

Im eingangs geschilderten Fall sind es aber unausgesprochene Erwartungen und Missverständnisse, die für den Kontaktabbruch sorgten. Anna hatte nach zahlreichen recht ermüdenden Begegnungen einfach die Nase voll vom Thema Dating. In einer Frauenzeitschrift las sie, dass Männer „jagen“ wollten und man ihnen daher stets die Initiative überlassen müsse. Anna fand die Erläuterungen durchaus plausibel. Männer seien ja irgendwie evolutionär auf Jagd getrimmt und das wäre psychologisch auch heute noch so. Das Bild, was Anna von ihrem Wunschpartner zeichnet, klingt allerdings so gar nicht nach Jäger. Sie wünscht sich einen sanften, liebevollen Mann, der Zeit mit ihr verbringen möchte. Gemeinsame Reisen gehören ebenso zu Annas Vorstellungen wie der Besuch von Ausstellungen und kuschelige Filmabende. Außerdem soll der Traumprinz im Haushalt helfen und gerne kochen – das mag Anna nämlich so gar nicht gern. Im Gespräch stellt Anna fest, dass sie keinen Jäger sucht. Und Tim hat ihr wirklich gut gefallen. Er ist alleinerziehender Vater und schreibt mit sehr weichen, liebevollen Worten. Anna nimmt noch einmal Kontakt zu Tim auf und es stellt sich heraus: Er war irritiert, dass sie sich nicht gemeldet hat und dachte, sie hätte kein Interesse mehr. Er hat sich gefragt, was er falsch gemacht hat und sich dann irgendwie nicht mehr getraut, nachzufragen. Nach einigen Dates und vielen Gesprächen, in denen sich Anna und Tim näher kennengelernt haben, sind sie inzwischen in einer glücklichen Beziehung. Anna hat erkannt, dass Tim kein Jäger ist und sich dementsprechend auch nicht so verhält – genau das gefällt ihr an ihm.

Liebe Single-Frauen! Ich appelliere aus ganzem Herzen: Wenn Ihr einen Prinzen sucht, müsst Ihr selbst auch Prinzessin sein! Seid Ihr eher wie Ronja Räubertochter, werden Prinzen Euch nicht glücklich machen können. Werdet Euch klar darüber, welcher Mann wirklich zu Euch passen könnte und dann geht erneut auf die Suche. Authentisch, offen und ohne Spielchen. Dann klappt’s auch mit dem Dating.

Stefanie Gralewski

Über die Autorin

Ich bin Stefanie Gralewski und das hier ist mein Blog. Es ist kein Anleitungsblog, nicht gefüllt mit Weisheiten oder weltbewegenden Themen. Ich teile hier meine Gedanken, Ansichten und Ideen mit dem, der es lesen möchte. Mein Alltag ist zuweilen anstrengend, magisch, nachdenklich, lustig – aber immer voller Neugier auf das Leben.

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